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BVZP: DH Heidrun Moser zur Prophylaxe, Ernährung und zu Risikofaktoren bei Jugendlichen (2)

Erosionen bei einem Bulimiepatient

(c) Dr. Jan Hajtó

Kieferorthopädische Apparaturen erzeugt zusätzlichen Stress

Viele Jugendliche erhalten eine kieferorthopädische Behandlung, meistens in Form von Brackets. Das erzeugt zusätzlichen Stress, da unter anderem Schmerzen verursacht werden, besonders nachdem die Brackets neu eingesetzt wurden. Das Spannungsgefühl ist oft so stark, dass selbst das Zähneputzen schmerzt und Schmerztabletten nötig sind.

Durch die Reibung der Brackets an Mundschleimhaut und Zahnfleisch kann es zu Verletzungen kommen oder Gingivitis sowie Pseudotaschen verursachen. Die Jugendlichen sind frustriert, weil die festsitzenden Apparaturen nicht schön aussehen und hieran immer wieder Essensreste hängen bleiben. Der Zeitaufwand für die Reinigung ist deutlich erhöht und das Handling mit den Zahnputzhilfsmitteln schwieriger.

(c) Moser

 

DH Heidrun Moser, Dentale Ernährungsberaterin

Eine Kontaktaufnahme kann per Mail erfolgen.

Weitere Informationen auch auf ihrer

Homepage und auf Instagram.

 

Folgen unzureichender Reinigung

Die Folgen einer unzureichenden Reinigung können jedoch ein Leben lang nachwirken. Sobald der Biofilm längere Zeit an Rändern der Brackets haftet, bilden sich White Spots, die später in Brown Spots übergehen und dann meistens irreversibel sind. White Spots können manchmal noch mit Kalzium/Phosphat-Pasten oder Kariesinfiltration reversibel gemacht werden. Im schlimmsten Fall entwickelt sich jedoch eine Karies, die oft erst erkannt wird, wenn die Brackets wieder abgenommen werden.

Jugendliche immer wieder mental aufbauen

Die Individualprophylaxe in der Zahnarztpraxis sollte in dieser Zeit dreimal jährlich (dritter Termin mit Privatliquidation bei Kassenpatienten) erfolgen, parallel zu den Terminen beim Kieferorthopäden. Bei diesen Sitzungen ist es wichtig, die Jugendlichen mental aufzubauen und zu motivieren:

  • Die Brackets sind irgendwann wieder weg, dann haben die Jugendlichen schöne gerade Zähne.
  • Es sind oft nur zwei bis drei Jahre des Lebens, in denen mehr Zeit und Aufwand für die Reinigung zu investieren sind.
  • Den Jugendlichen können Bilder mit White Spots im Fronzahnbereich gezeigt werden – das wirkt oft Wunder.

Den Jugendlichen sollte sowohl die Handhabung einer elektrischen oder Handzahnbürste demonstriert als auch mit ihnen eingeübt werden, wie auch die tägliche Reinigung der mesialen und distalen Bracket Bereiche mit einer dickeren Interdentalraumbürste. Außerdem sollten sie zweimal täglich mit einer fluoridhaltigen Zahnpaste putzen und zusätzlich ein- bis zweimal wöchentlich eine Intensivfluoridierung mit einem Fluoridgel (12.500 ppm) durchführen.

Zahnschmuck besonders bei Mädchen wieder im Trend

Zahnschmuck ist wieder im Trend und wird besonders von Mädchen gewünscht. Empfehlenswert ist es erst ab 18 Jahren, wenn der Zahnschmelz voll ausgereift ist. Wird trotzdem darauf bestanden, es vor dem 18. Lebensjahr durchzuführen, muss das schriftliche Einverständnis der Eltern eingeholt und anschließend über mögliche Folgen aufklärt werden:

  • Schmelzverletzungen durch Anätzen oder Anrauen
  • Reizungen der Mundschleimhaut
  • Entstehung einer Nische (Ränder) für Bakterien sowie Biofilm
  • erhöhtes Kariesrisiko

Irreversible Risse und Abplatzungen am Schmelz

Piercings im Mundbereich sitzen meist in der Mitte der Zunge oder im Lippenbereich. An den Zähnen gibt es bei Piercings aus Titan irreversible Risse und Abplatzungen am Schmelz. Hier sollte unbedingt auf einen Kunststoffaufsatz umgestiegen werden. Zusätzlich führt es durch das ständige Reiben des Piercings zu Zahnfleisch-und Knochenrückgang.

Piercings aus Titan können irreversible Risse und Abplatzungen am Schmelz erzeugen.
Piercings aus Titan können irreversible Risse und Abplatzungen am Schmelz erzeugen.
(c) Vera Larina/Shutterstock.com

Außerdem bildet sich um das Piercing herum und darunter ein bakterieller Biofilm; dieser Bereich wird oft nur unzureichend gereinigt. Das Piercing sollte zum Reinigen regelmäßig entfernt und extraoral gesäubert werden. Bei Piercings gibt es vom Gesetzgeber her keine Altersgrenze, das Einverständnis der Eltern reicht aus.

Bulimie/Bulimia nervosa – Auslöser sind meist emotionale Faktoren

Die Bulimie tritt vorwiegend bei Mädchen und jungen Frauen zwischen 15 und 30 Jahren auf, der Anteil der Jungen steigt jedoch (siehe „Bulimie als soziokulturelles Phänomen“, Springer). Auslöser sind meist emotionale Faktoren, psychischer Stress und mangelndes Selbstwertgefühl. Einen großen Einfluss darauf haben die sozialen Medien, die den Schönheitswahn teilweise in abstoßender Weise zelebrieren. Es wird assoziiert, dass man nur durch schönes, makelloses und schlankes Aussehen erfolgreich sein kann. Es gibt Videos, in denen gezeigt wird, wie man das Erbrechen herbeiführt, um „schlank“ zu bleiben.

Verstärkung der Darmträgheit und gefährlicher Elektrolytverlust

Jugendliche Bulimiker leiden zunächst an massiven Essanfällen, in denen sie bis zu 8.000 Kalorien und mehr verzehren. Danach werden sogenannte gegenregulatorische Maßnahmen ergriffen, um eine Gewichtszunahme zu vermeiden. Hierzu zählen selbstinduziertes Erbrechen, Hungern, extreme Diäten, exzessiver Sport, der Missbrauch von Laxantien (Abführmittel) und Emetikum (Brechmittel). Wenn diese Medikamente jedoch mehr als zwei Wochen zugeführt werden, besteht Gefahr der Verstärkung der Darmträgheit sowie ein lebensgefährlicher Elektrolytverlust (insbesondere Kalium). Die Folgen sind Herzrhythmusstörungen, Muskelschwäche und -lähmung, krampfartige Magen-Darm Beschwerden, Darmreizungen, Nierenschäden und Osteoporose.

Irreversiblen Verätzungen und Erosionen

(c) Dr. Jan Hajtó
Durch das häufige Erbrechen kommt mehrmals täglich Magensäure durch die Speiseröhre an die Mundschleimhaut und Zähne, das zu irreversiblen Verätzungen sowie Erosionen führt. Um zu Erbrechen, werden beispielsweise die Finger oder harte Gegenstände benutzt, die ebenfalls zu Verletzungen im Mund-und Rachenbereich führen.

Bei langfristigem Erbrechen vergrößert sich die Ohrspeicheldrüse, wodurch sogenannte Hamsterbacken und Schmerzen entstehen. Dentale Folgen sind eine hohe Kariesanfälligkeit, weil das Dentin durch die starke Erosion frei liegt. Das führt zu Hypersensibilitäten und Frakturen an den Zähnen.

Zuerst das Gespräch mit den Eltern suchen

Für das Zahnmedizinische Fachpersonal ist es wichtig, auf Anzeichen zu achten. Wenn wir Verletzungen im Mundbereich sehen oder massive Erosionen im oralen sowie okklusalen Zahnbereich feststellen und der Jugendliche sehr dünn ist, liegt der Verdacht nahe, dass eine Bulimie besteht. Hier sollte die Vorgehensweise sehr sensibel sein und durchdacht erfolgen. Wichtig ist, dass in erster Linie ein Gespräch mit den Eltern ohne die Jugendliche beziehungsweise den Jugendlichen stattfindet, um die Eltern darauf zu sensibilisieren und sich gegebenenfalls ärztlichen Rat einholen.

Oft ist es so, dass die Eltern noch nichts bemerkt haben und deswegen zuerst schockiert sind. Dennoch wurde hierbei der erste Impuls gesetzt, um die Jugendliche oder den Jugendlichen vor weiteren Risiken zu schützen. Es ist nahezu aussichtslos die Betroffenen selbst darauf anzusprechen, da sie es leugnen werden.

Verhalten nach einer Säureattacke

In der Prophylaxe können wir diese Jugendlichen über säurehaltige Lebensmittel mit deren Folgeschäden aufklären und Tipps mitgeben, wie sie die Säuren im Mund rascher neutralisieren können. Hierzu zählt nach den Säureattacken zuerst einmal, den Mund mit Wasser auszuspülen. Es empfiehlt sich auch, nach dem Erbrechen eine Viertelstunde lang zuckerfreien Kaugummi zu kauen, um die Speichelproduktion anzukurbeln, das wiederum die Remineralisation fördert.

Nach dem Erbrechen sollte eine Viertelstunde lang zuckerfreien Kaugummi gekaut werden, um die Speichelproduktion anzukurbeln.
Nach dem Erbrechen sollte eine Viertelstunde lang zuckerfreien Kaugummi gekaut werden, um die Speichelproduktion anzukurbeln.
(c) Pixel-Shot/Shutterstock.com

Die häusliche Zahnpflege sollte nicht direkt nach dem Erbrechen erfolgen, sondern erst nach ein bis zwei Stunden, entweder mit einer weichen Handzahnbürste oder einer elektrischen Zahnbürste mit einem weichem Bürstenaufsatz sowie zusätzlich einer Kalium, Zinn- oder Zinnchlorid /Fluoridzahnpaste und -spüllösung. Diese hemmen die Demineralisation und bauen eine sogenannte Schutzschicht gegen die Säureangriffe auf.

Vorgehen in der Prophylaxesitzung

Eine schonende Biofilmentfernung in der Prophylaxesitzung sollte mit einem Pulver-Wasserstrahlgerät und feinen Pulverarten (Glycin oder Erythritol) erfolgen. Bei starker Empfindlichkeit der Zähne kann vor der Behandlung eine Desensibilisierung mit fluoridhaltigen Lacken, Pasten oder Gelen appliziert werden. Danach erfolgt ein begleitendes Therapieren mit einer Kalzium-Phosphat- oder Hydroxylapatitpaste, welche der Patient auch zuhause einmal wöchentlich zusätzlich benutzen kann.

Eine Beschichtung der erosiven Flächen mit Komposit basierten Desensibilisierungsmitteln oder Adhäsiven ist konservierend möglich.

Fazit

Jugendliche haben ohnehin schon mit vielen Problemen zu kämpfen. Angefangen mit der Pubertät, in der sie sich neu orientieren, sich gegen Erwachsene auflehnen und selbst bestimmen wollen. Sie machen oft eine Wesensveränderung durch und wollen sich mit Piercings und Zahnschmuck „verschönern“. In dieser Zeit kommt auch oft noch eine kieferorthopädische Behandlung dazu, was die Jugendlichen zusätzlich belastet. Auch der Einfluss der sozialen Medien durch das Verstärken des Schönheitsideals, das zu Krankheiten wie Bulimie führen kann, ist nicht zu unterschätzen. Im Gegensatz dazu spielt die veränderte Ernährung eine große Rolle, die sich im stark säure- und kohlehydratlastigen Bereich bewegt.

Alles zusammen hat einen Einfluss auf die Zahn- und Mundgesundheit. Deshalb ist es wichtig, in der Individualprophylaxe den Fokus auf mehr Kommunikation und Aufklärung zu richten. Der Dialog sollte auf Augenhöhe erfolgen und nicht nur alleine von Mundhygiene-Empfehlungen handeln. Oft wird mehr erreicht, wenn man sich Zeit für ein Gespräch nimmt und nicht jede Prophylaxesitzung nach dem gleichen Schema betreibt, sondern individuell, je nach Notwendigkeit. Wenn wir das Vertrauen der Jugendlichen gewinnen, haben wir langfristig eine größere Chance, dass sie weiterhin regelmäßig zu uns in die Praxis kommen.

In Teil 1 behandelt Heidrun Moser die mentale Verfassung von Pubertierenden, erklärt die Wichtigkeit einer gesunden Ernährung und gibt Tipps für die Kommunikation.

Dieser Beitrag erschien im BVZP-E-Paper 4/2024 unter der Überschrift „Prophylaxe, Ernährung und Risikofaktoren bei Jugendlichen“.

Quelle:

„Essstörungssymptome bei Kindern und Jugendlichen: Häufigkeit und Risikofaktoren“, zuletzt geöffnet 4. Februar 2025

Quelle: BVZP-EPaper 2/2024 Team Prävention und Prophylaxe Patientenkommunikation Interdisziplinär

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